Die Luft, die wir ausatmen

Wir machen uns vielleicht Gedanken zur Luft, welche wir einatmen, aber weniger zu der Luft, welche wir ausatmen. Das fängt damit an, dass wir in der Regel gar nicht richtig ausatmen, falls wir nicht gerade singen oder lachen.

Wir halten oft Luft zurück, da unser Lebensdynamo, die Lungenflügel, insbesondere bei Müdigkeit nicht rege sind. Regsamkeit in der Frühe machen uns die Vögel mit ihrem Gesang in den Morgenstunden vor, ja, der erste Hahnenschrei begrüßt die Sonnenstrahlen, die unsere Atmosphäre nicht nur mit Licht, sondern besonders mit Wärme durchfluten. Um unsere innere Atmosphäre, die gesamte Luft in der Lunge, welche auch Vitalkapazität genannt wird, zu erneuern, müssen wir sie förmlich ausstoßen. Auch dieses Abgeben und Ausscheiden stockt leider in der Regel. Wie bei den irdischen Dingen des Lebens gilt auch hier: „Geben ist seliger als Nehmen“.

Doch was geben wir da eigentlich ab? Es wird gelehrt, dass der eingeatmete Sauerstoff (O2) in 4-5 % der Gesamtausatemluft durch Kohlendioxid (CO2) ersetzt
wird, wir also Kohlenhydrate und Zucker, die wir zuvor einnahmen, verbrennen und ausscheiden müssen. Allerdings ist das nicht das Einzige, was wir unscheinbar unserer Umgebung mitteilen. Hätten wir einen Geruchssinn, der so geschult wäre wie der der Hunde, würden wir feststellen, dass jeder atmende
Mensch eine besondere „Duftnote“ in seiner Ausatemluft hat. Damit ist nicht
nur der einfache „Mundgeruch“ gemeint, der durch entsprechende Lebensweise oder Mundhygiene zu bessern ist. Wir Menschen unterscheiden uns nicht nur in unserer Schädelform, der Augeniris und unseren Handlinien bzw. unserem Fingerabdruck, sondern auch in unserem Atemprofil. Dieses Atemprofil wird einerseits durch das Zeit-Volumen-Verhältnis von Einatmung, Innehalten, Ausatmung und Enthalten geprägt, andererseits aber auch durch weitere
Biomarker wie beispielsweise die Substanzen, die in der Ausatemluft enthalten sind.

Der bekannte Doppelnobelpreisträger Linus Pauling fand vor 44 Jahren im menschlichen Atem mittels Gaschromatographie schon mehr als 200 verschiedene flüchtige organische Substanzen. Diese wissenschaftlich als VOC (volatile organic compounds) bezeichneten Substanzen sind Aroma- und Fuselstoffe mit Namen wie Propan, Azeton, Methanol, Benzen, Isopropen, Pentan, Toluol usw. Diese komplexen Moleküle sind zwar in viel kleinerer Menge vorhanden als das Kohlendioxid, sie sind aber ebenfalls Bestandteil unserer Ausatemluft. Diese Moleküle sind Produkte des Stoffwechsels in unserem Körper, der leider oft nicht in einer vollständigen Verbrennung, sondern beispielsweise durch Vergärung aufgrund falscher Nahrungszusammenstellung oder direkt aus Mangel an Sauerstoff stattfindet. Dieser Frischluftmangel wird in der Regel oft nur in der Zimmerluft, aber nicht in unseren körpereigenen Innenräumen, den Lungen, wahrgenommen. Das äußerliche Lüften durch Öffnen der Fenster ist sogar viel weniger effektiv als das Ventilieren unserer inneren Räume durch vollständige Ausatmung. Durch das innere Ventilieren können die Lungenflügel das Blut von der Belastung mit solchen organischen Stoffen befreien und es mit Frischluft beleben. Eine erhöhte Ventilation ist die Voraussetzung für eine effektivere Durchblutung aller Körperzellen. Die Körperzellen atmen ja überwiegend nicht selbst in der Luft, sondern in den Körperflüssigkeiten, deren hervorragendste das Blut ist. Wenn das Blut durch Abatmen leichter wird, machen wir es uns wirklich buchstäblich leichter.

Es ließe sich noch viel berichten über diese Ätherstoffe bzw. VOC, die wir abatmen. Bei zahlreichen Erkrankungen, sei es Krebs, Zucker oder andere chronifizierte Zellveränderungen, fand man spezifische Profile dieser VOC in der Ausatemluft. Aktuell ist die Technik leider noch zu komplex, als dass sie im Alltag Einzug gehalten hätte. Die Atemgasanalyse hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten zu einem eigenen Forschungszweig entwickelt, der in der
Zukunft vielleicht einmal alle Blutanalysen ersetzen kann. Aber auch um eine aussagekräftige Atemgasanalyse machen zu können, müssen wir uns das vollständige Ausatmen angewöhnen. Vollständige Ausatmung ist
Ausatmung bis zum Äußersten, bis man wirklich nicht mehr weiter ausatmen kann, sich also ganz erschöpft hat. Erst dann sollten wir wieder einatmen und nicht die Ausatmung auf halber, viertel oder gar zehntel Strecke abbrechen und wieder heimlich den Atem stehlen. Das ist und bleibt der Anfang aller Atemkunst.

Quelle: Pauling L, Robinson AB, Teranishi R, Cary P. Quantitative analysis of urine vapor and breath by gas-liquid partition chromatography. Proc Natl Acad Sci USA 1971; 68: 2374-2376.