Morgenstunde

Ich wache auf, die Schwärze der Nacht umhüllt mich. Lediglich der Ausatemstoss der Atmung meines Bettnachbarn durchdringt die Stille des sehr frühen Morgen, wie „Es“ ihn atmet. Eins, zwei, drei und vier, das Ende der Ausatmung des anderen Menschen ist das einzige Geräusch, was zu vernehmen ist; dazwischen immer wieder Stille: 1,2,3 und dann auf vier das einzig hörbare Geräusch dieses „Es“, welches uns alle belebt. Ich drehe mich auf die andere Seite und nehme das Leuchten der digitalen Ziffern meines Weckers war, welcher heute um 4:30 läuten soll, es ist aber erst 2:19. Ich beobachte die Sekundenziffer und zähle die Atemzüge des anderen Menschen im Zimmer: Sechzehn Atemstöße in einer Minute.

Dieser Gedanke führt mich auf meine Atmung selbst zurück: Atme ich überhaupt? Offensichtlich weniger als mein Schlafnachbar. Ein, zwei und schon drei ist die schwache Einatmung und wieder zwei Sekunden sanft aus und ein einziger schwacher Impuls ein – warum ist das so? Nachts regelt der Körper alles runter, auch die Atmung, die Lungenäste verengen sich; komisch dass man dabei nicht erstickt? Nun ja, im steten Rhythmus, eine Sekunde ein und zwei Sekunden aus. Die Ausatmung ist bei uns beiden auf jedenfall länger, aber von wegen sieben Sekunden und so! Schaffe ich sie auszudehnen? Sieben Sekunden dauernde Einatmung erscheint mir unrealistisch, ja aktuell unmachbar, auch vier Sekunden gehören ins Reich der Illusion.

Deshalb verdopple ich es einfach: Ich atme zwei Zähleinheiten ein und vier Zähleinheiten aus. Super, das klappt, also gleich noch einmal; mein Denken wird etwas wacher. Eigentlich sollte man ja drei oder viermal so lange Ausatmen, um die Ausatmung zu verlängern. Also nach weiteren 1,2 und 3,4 Zähleinheiten gleich noch einmal 5,6 zählend auszuatmen. Puh, da war die Lunge wirklich leer und ich bin froh, dass ich wieder bis zwei durch die Nase aufatmen darf. Aber danach gleich wieder 1,2 ein und dieses Mal nun sogar viermal 1,2 ausstossend: 1,2 und 1,2 und 1,2 und 1,2 und diesen 2-8-Rhythmus befolgend, die Augen geschlossen und entspannt daliegend. Da dies sehr gut klappt, wiederhole ich das dreimal, bevor ich der Einatmung eine Zähleinheit hinzusetze: Ich atme drei Impulse durch mein freies Nasenloch sanft ein und zähle innerlich die verlängerten Ausatemstösse: 1,2,3 und gleich weiter 1,2,3 und weiter ausatmend ohne Zwischeneinatmung ein drittes Mal innerlich zählend: 1,2,3, also einen 3-9er Rhythmus befolgend, den ich schnell auf einen 3-12er Rhythmus ausdehne und denselben dreimal wiederhole. In der Schwärze und Stille der Nacht, wo das eigene Denken ganz auf sich berufen ist und der Körper fast noch schlafend da liegt, erwecke ich Stück für Stück meinen inneren Denkpunkt, indem ich die Ausatmung systematisch auf das Vierfache verlängere und so die morgendliche Atemstockung im Liegen mit geschlossenen Augen sanft auflöse. Ich setze durch mentalen Entschluss zum Abschluss noch drei Atemzüge im 4-16er Rhythmus an und beende dieses Aufwachexperiment mit einem vierten und fünften Atemzug, wo ich nach vier Sekunden Einatmung bis auf fünfmal vier, also 20 Sekunden ausatme.

Mein Rücken fühlt sich sanft und frei an, seltsam dass ich immer nur durch das rechte Nasenloch einatme. Bin ich deshalb aufgewacht? Ich drehe mich auf die rechte Seite und atme noch einige lange Atemzüge aus, dem Atemstrom des anderen Wesens im Schlafraum lauschend. Ich atme solange ein, bis ich wieder „Es“, sein Atemgeräusch, höre und atme dann drei, vier solcher Atemgeräusche aus, ohne sonderlich aktive Bewusstseinslenkung. Dennoch nimmt mein inneres Ich wahr, wie sich das linke Nasenloch durch den Lagewechsel öffnet und das rechte Nasenloch wieder verschließt und meine Eigenwahrnehmung langsam von den Fängen des Schlafes umgarnt wird. Mein eigenes Ich, nehme ich erst wieder wahr, als die subjektive Seite meines Wesens mich wieder weckt, und die leuchtenden Ziffern des Weckers 4:27 anzeigen.

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